Wo geht sie hin die Qualität?


von Matthias Schubert
 
Ein Plädoyer, im Reformprozeß sozialer Einrichtungen
bei der Entwicklung der Organisation nicht auf Supervision zu verzichten.

Seite 1 von 10  
Einleitung
 
An einen umfangreichen Reformprozeß war wohl von beiden Seiten aus nicht gedacht. Es gab vielmehr einen konkreten, eher kleineren Anlaß. Das Jugendcafé A und das Jugendcafé B mußten und sollten zusammengelegt werden. Beide Teams waren von dieser Entscheidung überrumpelt worden. Im Team B gab es noch dazu untereinander Ärger und insgesamt war der ganze Kinder- und Jugendbereich des freien Trägers dabei, sich strukturell zu verändern. Es gab plötzlich Tutoren für einzelne Bereiche. Gründe also genug, um eine Beratung anzufragen; teils mehr als Wiedergutmachung durch die überrumpelnde Geschäftsführung des Trägers, teils um den Unmut der MitarbeiterInnen in andere konstruktive und perspektivische Richtungen zu lenken. Mich rief ein Mitarbeiter des Jugendcafés A an und fragte nach einer Kombination von Supervision und Organisationsberatung. Man wolle an einem Tag die Beziehungen in den beiden Teams klären und wie man als ein Team zusammenarbeiten könne und dann an einem zweiten Tag die organisatorischen Probleme lösen. Zufällig sei ihnen gerade das Prospekt der Arbeitsgemeinschaft STEP mit meiner Adresse in die Hände geraten. Es war dies der Start für einen Prozeß, der nach und nach und schrittweise immer größere Dimensionen annahm. Es tut diesem noch laufenden Prozeß immer noch gut, daß er nicht mit hohen Zielvorgaben begonnen wurde, sondern zusammen mit dem Träger, den Einrichtungen, letztlich den MitarbeiterInnen zu einer offenen Organisationsentwicklung werden konnte, die gleichermaßen die persönlichen Belange der Beteiligten berücksichtigen kann und jederzeit die Freiheit hat, sich mit der reinen reflektierenden Supervision zufrieden zu geben. Der Prozeß ist heute auf dem am Ende beschriebenen Stand. Geschrieben sind diese Seiten mit zwei Motiven. Zum Einen ist es für die beratene Einrichtung nunmehr von Bedeutung, auch die große Perspektive zu denken, um die nächsten Schritte gehen zu können, zum anderen ist dieser Prozeß mir ein guter Aufhänger, um von Reformen noch recht in Ruhe gelassene Träger, Einrichtungen und MitarbeiterInnen die Dimensionen der anstehenden Organisationsentwicklungen und Reformen zu veranschaulichen, aber auch zu problematisieren.

Zudem möchte ich auf die Notwendigkeit der eher zufällig angefragten Verbindung von Organisationsentwicklung und Supervision zur erfolgreichen Reformentwicklung sozialer Einrichtungen hinweisen.

Einstimmung
 
In der sozialen Arbeit galoppieren die Veränderungen, wie kaum in einem anderen beruflichen Bereich, der nicht durch die rasante technische Entwicklung vorangetrieben wird. Im professionell-sozialen Feld repräsentiert sich die Entwicklung in den beteiligten Menschen. So sind diese Veränderungen nicht direkte Folge der technischen Innovationen, sondern wirken über die gesellschaftliche Entwicklung. Diese Entwicklung hat in jüngerer Vergangenheit zu vielen sogenannten "schmerzhaften Einschnitten" im sozialen Bereich geführt. Ganze Einrichtungen wurden geschlossen und noch immer ist die Meldung vom Abbau von Stellen im sozialen Bereich eine Erfolgsmeldung. Nach dieser geradlinigen, aber eben schmerzhaften Reaktion auf knappe Ressourcen, keimt nun wieder Hoffnung, die sich aus neuen Konzepten, neuen Modellen der Organisationsveränderung nährt. Vielleicht lassen sich ja die Organisationen so steuern, daß sie brachliegende Potentiale nutzen und damit entweder ihre Aufgabe mit weniger Aufwand oder mit dem gleichen Aufwand mehr Aufgaben erfüllt werden können. Letzteres könnte innerhalb einer Organisation sogar Personalabbau vermeiden. Dazu müßten allerdings tatsächlich Potentiale schlummern und aufweckbar sein. Insgesamt jedoch begeben sich soziale Einrichtungen in Konkurrenz, denn wenn nicht irgendwelche neuen Aufgabenfelder der sozialen Arbeit zuwachsen, entsteht ein Verteilungskampf und die Gefahr weiterer Schließungen ist durchaus nicht gebannt. Nur am Rande sei erwähnt, daß mancherorts sogar Hoffnung darin gelegt wird, soziale Einrichtungen könnten neuen wirtschaftlichen Dienstleistungsbedarf wecken und anschließend selbst decken. So dachte vor kurzem ein Kindergartenteam in einer Supervision darüber nach, ein gewinnbringendes Mittagessenangebot für Familien im Stadtteil einzurichten. Nur wäre dies weder sozial motiviert, noch eignet sich das Klientel sozialer Einrichtungen, um solche Pläne gewinnbringend umzusetzen. Es bliebe auch abzuwarten, ob nicht das Finanzierungvehikel schnell den eigentlichen Auftrag in den Hintergrund drängen würde.

Wenn ich von Zeit zu Zeit Supervisanden in Sitzungen die nächsten fünf Jahre ihrer Einrichtung entwerfen lasse, dann scheint für alle dabei bisher klar zu sein, daß wesentliche Veränderungen bevor stehen.

Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Erzieherinnen, Werkstatt- und Klinikpersonal und alle die, die in den sozialen Einrichtungen die direkt wirkende soziale Arbeit leisten, sind also schon mit Veränderungen und Veränderungsvorhaben konfrontiert. Vielen erschien der einzige Grund dafür die Verringerung der Mittel zu sein, aber ebenso Vielen ist der laufende Veränderungsprozeß ebenso uneinleuchtend wie bedrohlich. Da andererseits nahezu alle leitenden Instanzen in den sozialen Feldern bereits mit Umstrukturierungsmaßnahmen befaßt sind oder sie sich wenigstens gedanklich damit auseinandersetzen, wundert es nicht, wenn der Markt für Organisationsberater und Gutachter auch im Sozialen blüht.

Die drei wichtigen Instanzen in einer Organisationsberatung sind die auftraggebende Institution, die MitarbeiterInnen und der Organisationsberater. Sie alle sollten wissen, was sie mit dem Forcieren der Reformmodelle tun und ob die Reform den Nutzen für das Klientel erhöht oder verringert wird oder gar unbeeinflußt bleibt, ob es einen Nutzen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, der bisher ungenutzte Potentiale freisetzt und ob das Reformergebnis überhaupt der Intention und den Leitbildern der Institution entspricht. Das alles kann nur auf dem Hintergrund betrachtet werden, daß die vierte Instanz, die mittelbereitstellende Instanz der Gesellschaft, der Staat mit seinen Instanzen Rahmenbedingungen diktiert und Anforderungen stellt.

Es geht also darum, daß der Hintergrund, die Begründung und letztlich der mögliche Sinn der neuen Steuerungsmodelle dorthin vermittelt werden, wo die Veränderungen praktisch wirken sollen und werden.

 
Weiter zur nächsten Seite
 
 

© Die im Rahmen von PRAXIS & VISION gelieferten Informationen sind in allen Teilen urheberrechtlich geschützt.
Die Verwendung und Verwertung der Informationen ist ausschließlich zur persönlichen Nutzung gestattet. Jede weitere Verwertung außerhalb dieser Grenzen ist ohne Zustimmung von PRAXIS & VISION unzulässig und strafbar, dies gilt insbesondere für Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmungen, Einspeicherungen und Verarbeitung in elektronischen Systemen von unseren Inhalten. Das gleiche gilt für Verstoße gegen das Urhebergesetzt.

 
Zurück